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Predigt vom 13. Juli 2003 im "Roxy" von FBG Raimund
Text: 1. Mose 50, 15-21

(15) Und als Josephs Brüder sahen, dass ihr Vater gestorben war, sagten sie: Wenn nun Joseph uns anfeindet und uns gar all das Böse vergilt, das wir ihm angetan haben!
(16) So entboten sie dem Joseph und ließen sagen: Dein Vater hat vor seinem Tod befohlen und gesagt:
(17) `So sollt ihr zu Joseph sagen: Ach, vergib doch das Verbrechen deiner Brüder und ihre Sünde, dass sie dir Böses angetan haben!" Und nun vergib doch das Verbrechen der Knechte des Gottes deines Vaters! Da weinte Joseph, als sie zu ihm redeten.
(18) Und auch seine Brüder gingen und fielen vor ihm nieder und sagten: Siehe, da hast du uns als Knechte.
(19) Joseph aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa an Gottes Stelle?
(20) Ihr zwar, ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; Gott [aber] hatte beabsichtigt, es zum Guten [zu wenden], damit er tue, wie es an diesem Tag ist, ein großes Volk am Leben zu erhalten.
(21) Und nun, fürchtet euch nicht! Ich werde euch und eure Kinder versorgen. So tröstete er sie und redete zu ihrem Herzen.


Liebe Gemeinde!

So kann’s gehen: Plötzlich haben sie Angst, die Brüder. Angst, weil sie Scheiße gebaut hatten. Angst, weil der Bruder plötzlich mächtiger war als sie. Angst, weil Vater nicht mehr da war, der den Streit bislang verhindert hatte.

Die Geschichte, deren Ende ich als Predigttext gelesen habe, zählt für mich zu den schönsten der Bibel. Sie berichtet, von Joseph und seinen elf Brüdern. Hass, Neid und Missgunst sind der Ausgangspunkt der Geschichte: eine Mischung von Hell und Dunkel, von Schuld und Zwang der Verhältnisse - wie unser aller Leben auch.

Joseph, Daddies Liebling, wird von Anfang an bevorzugt. Und er erzählt auch immer wieder, dass er sich für was besonderes hält. Irgendwann haben die Brüder die Nase voll von dem ganzen Getue. Sie verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten und erzählen dem Vater, dass ein wildes Tier Joseph umgebracht hätte. Joseph macht in Ägypten eine steile Karriere. Schließlich wird er zum Chefminister des des Pharaos, zum höchsten Beamten des Landes.

Jahre der Trockenheit kamen und damit Hungersnot, auch über Jakob und seine Familie. Die Söhne zogen nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Nur Benjamin, der jüngste, blieb beim Vater. Sie kamen vor Joseph, der inzwischen Wesir des Pharaos geworden war. Er erkannte seine Brüder, sie ihn nicht. Als die Trockenheit andauerte und das Getreide aufgezehrt war, zogen sie wieder nach Ägypten. Diesmal gab Joseph sich zu erkennen. Er ließ den Vater mit der ganzen Familie nach Ägypten kommen und gab ihnen Weideland. Alles war wieder im Lot. Joseph hegte keine Rachegefühle, sondern sorgte für seine Familie.

Jakob, der schon als alter Mann nach Ägypten gekommen war, starb nach einigen Jahren. Seine Söhne begruben ihn in seiner Heimat und kehrten nach Ägypten zurück. Doch dann bekamen Josephs Brüder es mit der Angst zu tun. Zwischen ihnen und dem Bruder, der einst wehrlos und nun übermächtig war, stand noch die unbewältigte Vergangenheit. Sie war alt und anscheinend längst vergessen, aber unterschwellig immer gegenwärtig. Die verdrängte Schuld brach wieder auf. Sie wurden unsicher. Wie würde sich Joseph verhalten? Ihr schlechtes Gewissen ließ sie die Zukunft fürchten. Ihr Bruder könnte sich an ihnen für das rächen, was sie ihm einst angetan hatten, jetzt, da ihnen der sichere Schutz des Vaters fehlte. Doch sie weigerten sich, ihre neue Rolle zu übernehmen und damit die Verantwortung für ihr einstiges Tun. Sie sahen sich vor einem schier unlösbaren Konflikt. Wie sollten sie nur ihre schreckliche Vergangenheit bewältigen?

Und wir, wie gehen wir mit unserer unbewältigten Vergangenheit um, mit der individuellen in Gestalt persönlicher Niederlagen? Wie gehen wir mit unserer Geschichte um, etwa mit den 40 Jahren DDR, wie in den alten, wie in den neuen Bundesländern?

Die Brüder Josephs setzen sich zusammen und berieten, was zu tun sei. War es wirklich so schlimm, was sie getan hatten? Hatte nicht ein gutes Ende genommen, was ohne diesen Anfang so nie zustande gekommen wäre? War da nicht einer, der sie damals angestiftet hatte? Und hatten sie es nicht in ihrer aller wohlverstandenem Interesse getan?

Das Ergebnis ihrer Beratungen war, einen Boten zu Joseph zu schicken. Der sollte versuchen, ihn auf ein angebliches Testament des gemeinsamen Vaters zu verpflichten und ihn so nötigen, auf die - ihm ganz offensichtlich zugebilligte, also gerechte - Rache zu verzichten.

Die Feiglinge. Nur versteckt hinter der Autorität des Vaters, von der sie sich Schutz versprachen, und durch einen Mittelsmann wagten sie es, Joseph anzusprechen. Geschickt hatten sie den Vater als eine mit hoher Autorität ausgestatte Symbolkraft ins Spiel gebracht. Es hätte auch das Volk, der Führer, die Partei, die Kirche sein können - je nachdem. Joseph, so sahen sie es, hätte jedes Recht, sich zu rächen. Doch mit des toten Vaters Hilfe gedachten sie, Josephs Handlungsspielraum ihnen gegenüber einzuschränken, ja - wenn möglich - zunichte zu machen.

Um ganz sicher zu gehen, behafteten sie Joseph auch noch beim gemeinsamen Glauben an den Gott des Vaters. Und damit alles glaubwürdig klang, sollte der Bote ohne Beschönigung ihre Schuld zugeben. Da die Bindung an das Wort des Vaters ihren Bruder Joseph wie in einer Schlinge einfangen würde, gingen sie so wahrscheinlich kein Risiko ein.

Warum brauchen wir eigentlich Boten, Briefe? Warum gehen wir nicht den direkten Weg zum anderen? Warum tun wir uns so schwer mit unserer Vergangenheit? Warum verdrängen wir sie immer wieder, verteidigen sie, mildern sie ab? Warum schieben wir die Schuld auf andere, auf die Verhältnisse, die nicht so sind? Warum projizieren wir unsere Schuld auf andere? Warum beseitigen wir so gern, was gegen uns spricht? Warum ...?

Der Bote - kam zu den Brüdern Josephs zurück und berichtete, Joseph habe nichts gesagt, sondern nur geweint. Was hatte Joseph weinen lassen - wenn nicht die tiefe Unmenschlichkeit, die im falschen Spiel seiner Brüder sichtbar wurde? Seine Brüder wollten ihn täuschen, wollten ihn zwingen, ihnen zu vergeben. Das war noch schmerzlicher als der feige Haß, aus dem heraus sie ihn, der wehrlos war gegen die Übermacht der zehn älteren Brüder, in einen Brunnen geworfen und dann verkauft hatten. Das war der Ausverkauf der Menschlichkeit, die Heiligung jeder Form von Gewalt: Erst wird jemandem Gewalt angetan, dann wird er gezwungen zu vergeben - und alles ist wieder im Lot.

Joseph war am Ende. Was blieb ihm außer Tränen? Diese Tränen ließen den Brüdern das Versöhnungsmanöver im Halse stecken bleiben. Sie verschlugen ihnen die Rede vom Testament des gemeinsamen Vaters und von der eigenen Frömmigkeit. Josephs Wehrlosigkeit hatte die Brüder gleichfalls wehrlos gemacht. Jetzt waren auch sie am Ende, an dem Ende, das allein einen neuen Anfang ermöglicht. Sie kamen nun selbst zu Joseph, voll Angst und Furcht, und nun unversehens ganz auf sich selbst gestellt. Offen sprachen sie mit ihm, dem sie Böses angetan hatten, und lieferten sich ihm bedingungslos aus: "Siehe, wir sind deine Knechte." Sollte Joseph tun, was gerecht war: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Doch Joseph antwortete: "Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?" Er verzichtete auf Rache und durchbrach so den Teufelskreis der Vergeltung. Er nützte die Situation, in der sich seine Brüder ganz in seine Hand begeben hatten, nicht aus, sondern nahm seine Brüder an. Da endlich wich der Druck. Die dunkle, unbewältigte Vergangenheit, die sie alle gefangen gehalten hatte, war plötzlich aufgebrochen, entmachtet. Die Tür zu einer hellen Zukunft stand wieder offen.

"Stehe ich denn an Gottes Statt?", hatte Joseph gesagt. Dürfen wir uns anmaßen, zu richten? Leben wir nicht alle von der Vergebung Gottes?

Die Brüder waren wieder versöhnt. Sie konnten miteinander über ihre Vergangenheit reden. Sie brauchten nicht mehr die Autorität des Vaters als Mittler, um ins Gespräch zu kommen. Friede war eingekehrt, Freiheit von Angst und Furcht. "Ich will euch und eure Kinder versorgen", sagte Joseph.

Und er tröstete seine Brüder und redete freundlich mit ihnen, wie es am Ende heißt. So wurde die von Gott erfahrene Liebe in der Liebe zum Menschen sichtbar. Gott hatte gewendet, was Menschen - teils aus Zwang der Verhältnisse, teils aus eigener Schuld - auf den Weg gebracht hatten. Gott hatte aus Unheil Heil werden lassen. Und so konnten die Betroffenen im Nachhinein diese Geschichte, die Josepherzählung, als eine heilsame Geschichte, als Heilsgeschichte, deuten.

Die Josepherzählung ist eine zutiefst menschliche Geschichte. In ihr begegnen sich Menschen in allem, dessen sie fähig sind: in abgrundtiefen Hass wie in liebender Vergebung. Und sie lässt uns erkennen, wie Gottes Handeln in tiefster Weltlichkeit verborgen ist, dass wir - auch wenn wir es nicht wahrzunehmen - mitten in Gottes Heilsgeschichte stehen: da, wo uns vergeben wird, da, wo wir vergeben, als Befreite und als Befreiung Überbringende.

Diese Geschichte zeigt uns, dass wir als Menschen ohne Vergebung nicht leben können. Denn mit den Verhältnissen, die nicht so sind, können wir uns nicht entschuldigen, weil diese Verhältnisse immer ein Geflecht von eigener und fremder Verantwortung, von eigener und fremder Schuld sind. Dieses Geflecht gilt es zu erkennen, zu benennen, zu entwirren. Vergebung heißt: den Teufelskreis der Verhältnisse zu durchbrechen, miteinander neu anzufangen, ernst zu nehmen, dass uns vergeben wird.

Wir werden oft neu anfangen müssen. "Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen ... Ich glaube auch, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten." So hat es Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis formuliert, nur kurze Zeit bevor die Nazis ihn hinrichten ließen.

Amen.
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